Regionalkreis Südwest

Ausflug in die spannende Welt der Großmotoren

Regionalkreis Südwest besucht L’Orange 2015

 Werk in schöner Schwarzwaldlage: L’Orange in Glatten

 

Von Astrid Gorgas

Die bewährte Formation von MPC- und VdM-Kollegen erlebte erneut einen beeindruckenden Tech-Day bei L’Orange, dem neben Bosch und Woodward dritten Hersteller für Einspritzsysteme in Stuttgart. Aufgrund dieser starken Präsenz drängte sich uns die Frage auf, ob Stuttgart statt Motor-Town nicht fairerweise Injection-City genannt werden müsste. L’Orange, eine Tochter der heutigen Rolls-Royce Power Systems AG in Friedrichshafen, ehemals Tognum, ist – im Gegensatz zu Bosch – allein spezialisiert auf Großmotoren von 1.000 bis 40.000 kW und in diesem Segment mit 34 Prozent Marktanteil die Nr. 1 weltweit (Bosch 20 Prozent, Woodward 14 Prozent).

Vor sieben Jahren waren wir im L’Orange F&E-Zentrum in Zuffenhausen, jetzt ging es nach Glatten bei Freudenstadt, dem mit 250 Mitarbeitern und einem Ausstoß von allein 400.000 Einspritzpumpen pro Jahr sowie diverser Injektorenfamilien größten Produktionsstandort des Hauses. Die anderen befinden sich in Wolfratshausen, Rellingen, Suzhou und Ningbo (China).

Die weite Fahrt hat sich in jeder Hinsicht gelohnt. Es war nicht nur ein Entfliehen vor der Sommerhitze in Stadt und Land und somit ein Tag in der Sommerfrische des Schwarzwaldes mit einem abschließenden Abendessen auf der kühlenden Terrasse des romantischen Waldhotels Zollernblick in  700 Meter Höhe neben einem Skilift im Sommerschlaf, sondern ein technisches Seminar der Extraklasse zum Thema Einspritzsysteme inklusive Werksführung.

Infolge strenger werdender Emissionsvorschriften rückt besonders die Abgasnachbehandlung in den Vordergrund der Entwicklungstätigkeiten am Dieselmotor. Die dritte Emissionsstufe der International Maritime Organization (IMO) fordert eine Reduktion der Abgase auf ca. zwei Gramm Stickoxide (NOx) pro Kilowattstunde. L’Orange hat deshalb ein speziell für Großmotoren konstruiertes individuell skalierbares Einspritz-Dosiersystem für die Abgasnachbehandlung entwickelt. Dabei wird eine Harnstoff-Wasser-Lösung mit einem Druck von 10 bar in den Abgastrakt gespritzt. „Die Abgasnachbehandlung ist oft die einzige Möglichkeit, Emissionen deutlich zu reduzieren, denn innermotorisch sind die Hersteller meist am Limit der Möglichkeiten angekommen“, so L‘Orange Geschäftsführer Dr. Ralph-Michael Schmidt.

Auch dieses Mal konnte er uns mit seinen Ausführungen begeistern und uns Pkw-lastige Journalisten in die Welt der Großmotoren eintauchen lassen, in der so viel mehr möglich ist, so viel mehr Technik und Innovation verbaut werden kann, als in eine „schnöde“ Pkw-Einspritzung. „Die Spielwiese ist größer“, so Schmidt. Vor allem die Wirkung ist umso größer und bedeutender als bei Straßenfahrzeugen. Eine fünfprozentige Energieeinsparung bei einem Containerschiff reduziert die Transportkosten in gewaltigem Ausmaß.

L’Orange beliefert weltweit alle Großmotorenhersteller mit Einspritztechnologie einschließlich der Common-Rail-Technik für alle Off-Highway-Anwendungen im Diesel- und Schwerölbereich. Zu 60 Prozent handelt sich dabei um die Bestückung großer Schiffsmotoren für den militärischen wie kommerziellen Schiffsverkehr. Rund 30 Prozent  werden in Kraftwerke eingebaut, der Rest findet seine Anwendung in Lokomotiven (8 Prozent) und den Schwerfahrzeugen, die z.B. im Tagebau gebraucht werden. Eine besondere Stärke von L’Orange ist die Realisierung kundenspezifischer Systemlösungen, die Schmidt auf die Flexibilität eines mit weltweit 1.000 Mitarbeitern recht überschaubaren und deshalb agilen Unternehmens zurückführt, das bereits seit über 80 Jahren technologische Zeichen setze und durch Innovation und Präzision sowie große Kundennähe zum Erfolg gekommen sei. 1909 hatte Prosper L’Orange das Vorkammerprinzip für Dieselmotoren erfunden und 1933 mit Rudolf L’Orange die Gebrüder L’Orange Motorzubehör GmbH gegründet.
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Injektoren sind strategische Komponenten und werden ganz speziell für den Kunden entwickelt. Es gibt keine vergleichbare Industrie, so Schmidt, die mit so geringen Toleranzen im Mikrobereich fertige. Stolz erwähnt er das demnächst anstehende Jubiläum für den einmillionsten Injektor, was sich für Auto-Journalisten erstmal gar nicht so eindrucksvoll anhört. Wenn man sich aber vorstellt, dass auf unseren Weltmeeren nur 20.000 dieser großen Schiffe unterwegs sind, die zudem lange Laufzeiten haben, dann sieht die Mengenrelation ganz anders aus.

 „Wir machen die Wettbewerber unserer Mutter glücklich“, so Schmidt. Natürlich beliefere L’Orange  den Mutterkonzern, aber genauso auch dessen Wettbewerber weltweit. Es kann also durchaus sein, dass die Wettbewerber die besseren Pumpen und Injektoren und damit besseren Motoren bekommen. Es herrscht dafür eine echte Unabhängigkeit, was für L’Orange aus Compliance-Gründen überlebenswichtig sei.

Seit dem Jahr 2000 bietet L’Orange für Pumpen und Injektoren, die viele tausend Betriebsstunden geleistet haben, auch eine industrielle Aufarbeitung an. Sie müssen nicht mehr zwangsläufig ausrangiert werden, was zur Kostenreduktion und Nachhaltigkeit beiträgt. Durch den dreistufigen Prozess – Befund, Aufbereitung und Qualitätsprüfung – garantiert L’Orange bei den Remanprodukten die  Eigenschaft, Leistung und Qualität eines neuen Produkts, weswegen auch analoge Garantiezeiten angeboten werden. Die Zahlen sprechen für sich: In 15 Jahren wurden 150.000 Injektoren und 10.000 Pumpen neuwertig in den drei Prozessschritten überarbeitet. Verglichen mit der Herstellung einer neuen Pumpe oder eines neuen Injektors benötigen Remanprodukte etwa 25 Prozent weniger Ressourcen.

Regionalkreis Südwest besucht L’Orange 2015 - Gruppenbild

Großes Gruppenbild mit – immerhin – zwei Damen: Motorjournalisten und Gastgeber nach den Führung

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